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Quelle: ART DEPESCHE

Berlin - Ja, richtig. Ein wenig habe ich heute schon geschafft, das ist gar nicht so schlecht. Doch das Wochenende wird bereits am Freitag Nachmittag beginnen, und ich werde nicht hier sein, um arbeiten zu können. Eine kurze Reise steht mal wieder an. Dies bedeutet genau eins: daß ich noch etwas schreiben sollte.

Ich sitze also vor dem Rechner, und zermartere mir den Kopf. Themen gibt es genug, doch die Inspiration läßt auf sich warten. Es riecht nach Pflicht und Notwendigkeit, doch nicht nach überzeugenden Ideen.
Da klingelt es. Ein Freund holt den Wohnungsschlüssel, um sich am Wochenende um Madame Rabia, die kleine Katze, kümmern zu können. Wir wechseln einige Worte, und ich nörgele ein wenig rum, beschreibe in knappen Worten die breiartige Konsistenz meines Gehirns, welche mich vom Arbeiten abhalte, welchem ich mich doch eigentlich widmen müßte.
„Ich bin gerade zu Fuß gekommen. Die Luft ist gut. Vielleicht auch einfach mal 20 Minuten rausgehen?“
Ich beschließe, diesem Vorschlag zu folgen, und kurz, nachdem er gegangen ist, ziehe ich mir Pullover und Weste über und die Schuhe an, nehme die Schachtel mit den Partagas Minis aus dem Humidor, und hinaus geht es, auf die Straße.
Ich laufe ein Stückchen gemächlich die Hauptstraße entlang, dann zünde ich mir einen Zigarillo an und nehme den ersten Zug. Ganz langsam paffe ich, lasse den Rauch in der Mundhöhle wandern, und auch mein Schritt paßt sich an, wird ziemlich langsam. Nur, als es über die Ampel geht, lege ich einen Zahn zu.
Nach einer Viertelstunde bin ich im Park angelangt. Dieser ist im Vergleich zur Hauptstraße nur noch mäßig beleuchtet, es sind nur wenige Menschen unterwegs. Im Park befindet sich ein kleiner Hügel, von welchem wir als Kinder herabgerodelt sind. Ich steige die Treppen hinauf, oben steht  eine Art Pavillon, der aus mit Knöterich bewachsenen Balken gebildet wird. Natürlich hat der Knöterich seine Blätter längst verloren, ebenso wie die Bäume und Sträucher ringsum. Die Luft ist allerdings sehr mild, ungewöhnlich warm für den November.
Früher, zu DDR-Zeiten, hatten hier oben immer Bänke gestanden, doch diese sind lange schon dem Vandalismus zum Opfer gefallen. Anscheinend sind Bänke einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig, was schade ist, denn gerne hätte ich mich ein wenig hingesetzt. So stehe ich halt ein wenig hier oben, schaue in den Park, betrachte den in der Dunkelheit nur bedingt erkennbaren kahlen Knöterich und die ebenso kahlen Bäume und auch die Sterne, denn der Himmel ist heute klar. Auch so findet der Geist etwas Entspannung. 
Beim Heimweg fühle ich mich leicht entrückt, das Geschehen auf der Hauptstraße nehme ich wie durch einen Filter wahr, als wäre es weit entfernt von mir – irgendwie ist es das auch.
Rückkehr in die Wohnung. Der Caol Ila Moch, ein ungewöhnlich milder Islay, winkt mir zu. Ein Schlückchen ins Gläschen, und im Schacht verschwindet ein Silberling, worauf die Sonaten für Violine und Cembalo eines gewissen J.S. Bach gesetzt aus den Lautsprechern tänzeln. Endlich setze ich mich vor den Rechner und schreibe los...

Abendspaziergang im November https://art-depesche.de/images/IMG_2029_1024px.jpg Ruedi Strese